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FALTER 12/01

 

ein Bericht von Petra Rathmanner

Ein anderes Sportstück

THEATER
Der Autodidakt Karl Wozek ist der Einar Schleef von Wien: Mit einer verschworenen Truppe und chorischen Monster-Inszenierungen kämpft er gegen eherne Theatergesetze. Petra Rathmanner

Eigentlich wollte Karl Wozek Fußballer werden. Geworden ist aus ihm der Theaterberserker Karl Wozek, der eine Laiengruppe um sich geschart hat, die in Wien ihresgleichen sucht. Dieser Tage etwa spielen über dreißig von Wozeks Mimen im Theater des Augenblicks rund drei Stunden lang das Leben des Philosophen Friedrich Nietzsche nach. "Das Nietzsche-Gefühl in mir muss einfach heraus", erklärt Wozek den Gewaltakt namens "Nietzsche nackt - Ein Leben im Hades", in dem seine Mannschaft Originaltexte von Nietzsche skandiert und schreit und sich dabei nach einer strengen Choregraphie verausgabt, die ein wenig an Einar Schleefs Chöre erinnert. Einar wer? Wozek kennt die Theaterarbeit des deutschen Regisseurs und Seelenverwandten nicht; er geht überhaupt nur selten ins Theater, denn die Abende braucht er zum Proben.
Man ist versucht, in dem 38-jährigen Karl Wozek einen Don Quichotte des Theaters zu sehen. "Ich will, dass das Theater wieder gesellschaftswirksam wird", sagt er ohne jeden ironischen Unterton. "Da werde ich aber sicher noch zehn Jahre dafür brauchen." Wenn er sich dabei energisch durch die immer etwas zerraufte Frisur fährt und einem ganz fest in die Augen schaut, ist man gewillt, sein missionarischen Eifer zu glauben.
Immerhin ist es dem Mann in den vergangenen zehn Jahren gelungen. eine eigene kleine Theaterwelt hochzuziehen. Der Grundstein wurde mit Schauspielworkshops gelegt, die Wozek mittlerweile jeden Sommer abhält und in denen er heute noch seine Mitspieler rekrutiert. Viele Schüler und Studenten finden sich darunter, auch Angestellte und Beamte, mehr Frauen als Männer. "Ich unterscheide nicht zwischen Laien- und Profidarstellern", stellt Wozek klar. "Für mich zählt die Haltung, mit der jemand auf die Bühne geht." Darunter versteht er "die Bereitschaft zum Experiment und zum Risiko. Wir sind alle mit ganzem Herzen und vollem Einsatz dabei." Der Verein theater.wozek zählt mittlerweile rund siebzig Mitglieder, mit denen er seit 1996 jedes Jahr mehrere Produktionen auf die Beine stellt. Meistens Klassiker wie Goethe, Grillparzer und Schiller, aber auch Stegreif- und Straßentheater gehört zum Repertoire.
Karl Wozek versucht, Maßstäbe zu setzen und jede Theatervernunft zu sprengen. Im Rahmen einer "Wasser-Trilogie" etwa kamen Brecht am Donaukanal, Hölderlin auf der Reichsbrücke und Nietzsche im Kabelwerk zur Aufführung. Bis zu 80 Personen hat er dabei versammelt, keine Inszenierung dauerte unter drei Stunden. Oder sein eigenwilliges "Shakespeare-Triptychon", bei dem er das wenig bekannte "Hamlet in Wittenberg" von Gerhart Hauptmann dem Shakespeare-Text vorangestellt und den Abend mit Heiner Müllers "Hamletmaschine" beschlossen hat.
Solche Ideen schmiedet er im "Theaterlabor", das als reine Experimentierwerkstatt gedacht ist. Außerdem gibt Wozek vier Mal im Jahr eine Zeitschrift mit Texten und Gedichten, die blätter.zum.weitertragen, heraus und betreibt eine regelmäßig tagende Philosophierunde. "Kant und Schopenhauer auf der Bühne, das wäre doch witzig. Überhaupt sind die Denker so spannend, das gehört einfach auf die Bühne." Wenn Karl Wozek nicht gerade als Faktotum mit dem theater.wozek beschäftigt ist, steht er selbst auf der Bühne und spielt sich kreuz und quer durch die Wiener Klein- und Mittelbühnen.

Karl Wozek stammt aus eine Mödlinger Arbeiterfamilie, der Vater ist ein gestandener Sozialist, die Mutter eine gläubige Katholikin. Sein Fußballerkarriere als Stürmer gibt er bald auf, er schließt eine Lehre als Elektriker ab - übt den Beruf dann aber nie aus. Er gründet früh eine Familie, die er anfangs mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser hält. Ermutigt von seiner Frau, beginnt er Straßentheater zu spielen. Erste Schauspielkurse (unter anderem bei Georg Tabori) folgen, das meiste aber hat er sich autodidaktisch beigebracht.
"Während der Proben sage ich immer zu den Schauspielern: Ihr seid das totale Theaterkollektiv" - der Rest ist eine Frage des Vertrauen". erklärt Wozek. Der Zusammenhalt der Gruppe ist in den Aufführungen spürbar: die Darsteller sind eine verschworene Gemeinschaft, die sich unmittelbar selbst darstellt. In seinen besten Momenten formt das Ensemble sich ständig verändernde Körper-Landschaften. Manchmal gelingen den Spielern dabei verstörend schöne Bilder, manchmal auch bloß schrecklich lächerliche. Aber die Besinnung auf den Chor hat weitreichende Konsequenzen für die Theaterpraxis des theater.wozek: Die Darsteller spielen nicht nur mit extremem körperlichem Einsatz, sondern verweigern sich auch der gängigen Theaterhierarchie, die Gefälle zwischen Haupt- und Nebenfiguren etabliert.
Schließlich glauben sie ja auch noch daran, dass Theater die Gesellschaft verändern kann. "Wir sind verrückt. Charmant verrückt", sagt Karl Wozek.

 

Eine Brücke zum Volk

Seit 2011 bringt Regisseur Karl Wozek mit bekannten Korneuburgern Theater mit Tiefgang auf die Werftbühne. Mit der NÖN sprach er über diese besondere Herausforderung.

 

Die Aufführung des Stücks „Geschichten aus dem Wienerwald“ mit 30 bekannten Korneuburgern im Rahmen der Werftbühne wurde vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Der Mann, der es jedes Jahr aufs Neue schafft, trotz Zeitmangels seiner Protagonisten ein Stück auf die Bühne zu zaubern, ist Regisseur Karl Wozek. Er korrigiert, motiviert und ist bekannt dafür, dass ihm selbst in der letzten Minute noch Änderungen einfallen.

 

NÖN: Ein Stück wie „Geschichten aus dem Wienerwald“ mit Laiendarstellern auf die Bühne bringen - birgt das nicht ein Risiko?
Wozek:
 Ödön von Horvath baut viele seiner Dramen auf dem Tragisch-Komischen auf. Bei „Geschichten aus dem Wienerwald“ wird das sehr deutlich. Da kann man sehr leicht im seichten Unterhaltungsspiel stecken bleiben oder in den Untiefen eines Melodramas untergehen. Das wirkliche Leben mit all seinen kleinen und großen Menschenschicksalen ist da der beste Wegweiser. Mit Profischauspielern sind solche Stücke natürlich einfacher zu inszenieren, doch Laiendarsteller haben oft einen authentischeren Zugang.

 

Ab wann wussten Sie, dass es gut gehen wird?
Wozek: 
Schon nach den ersten Proben, als ich gespürt habe, dass der Spiel-Funke überspringt. Einige der Darstellerinnen und Darsteller haben sehr bald den Mut aufgebracht, echte Emotionen zuzulassen. Und wenn das, was auf der Bühne gesagt und getan wird, glaubhaft rüberkommt, dann baut sich Spannung auf, die die Handlung vorantreibt. Dann beginnt das Stück zu leben.

 

Haben Sie ein ähnliches Projekt wie in Korneuburg - mit lauter bekannten Stadtpersönlichkeiten - schon öfter gemacht?
Wozek: 
Jein. Einmal in Jedenspeigen Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“. Und einmal in Altlengbach „Der Neidhardt mit dem Feil“ von Hans Sachs. Aber das waren bestehende Laientheatergruppen, deren Mitglieder weniger in der Öffentlichkeit tätig waren.

„Als Regisseur hat man immer eine Vision"

 

Was ist die besondere Herausforderung, wenn man mit Politikern, Pfarrer oder Polizeichef arbeitet?
Wozek: 
In erster Linie, alle Ämter und Würden vergessen zu machen. Das hat aber von Anfang an wunderbar funktioniert, weil durchwegs alle Mitwirkenden uneitel und voller Spielfreude und mit letztem Einsatz geprobt haben. Diese Haltung ist auch ausschlaggebend für den Erfolg dieses Projekts.

 

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie 2011 das erste Mal von der Idee erfahren haben, mit Prominenten Theater zu machen?
Wozek: 
Jürgen Gabmayer, den ich als Mensch und als Intendant der Werftbühne sehr schätze, hat mir das Projekt „Korneuburger spielen für Korneuburger“ vorgestellt. Das hat mich sofort angesprochen. Denn wenn Menschen, die in ihrem Berufsleben große Verantwortung tragen und einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss haben, sich für das Theater begeistern, dann hilft das nicht nur der Kunst, sondern schlägt eine direkte Kommunikations-Brücke zum sogenannten normalen Volk. Das finde ich gut.

 

Was hat Sie am meisten überrascht?
Wozek:
 Die Aufgeschlossenheit und das ehrliche Engagement. Und natürlich das künstlerische Endergebnis. Als Regisseur hat man immer eine Vision. Und wenn diese auf der Bühne umgesetzt wird, dann ist das eine große Befriedigung.

Sind unsere Politiker gute Schauspieler?
Wozek: Ich glaube, Politiker müssen manchmal auch gute Schauspieler sein, wenn es heißt, Ideen und Programme überzeugend rüberzubringen. In Korneuburg trifft das auf sehr viele zu.

Gibt es schon Ideen für nächstes Jahr? Werden Sie wieder dabei sein?
Wozek: Jürgen und ich wollen den eingeschlagenen Weg weitergehen: Qualität im Spiel und Themen mit Tiefgang. Vielleicht drehen wir auch einen Film. Der Live-Charakter eines Theaterabends wird aber immer im Mittelpunkt stehen.

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